Tagung SAGG/AGES: «Zentralität und Partikularität»
14. – 16. Juni 2012

Exposé

Die in Kooperation der französischen AGES (Association des Germanistes de l'Enseignement Supérieur) und der schweizerischen SAGG (Schweizerische Akademische Gesellschaft für Germanistik) durchgeführte Tagung befasst sich mit der Spannung von «Zentralität und Partikularität» in den mentalen und administrativen Strukturen beider Länder. Während Frankreich aufgrund seiner Geschichte eine ausgeprägte zentralistische Verwaltungsstruktur und ein damit einhergehendes Selbstverständnis aufweist, dominieren in der Schweiz, ebenfalls aufgrund geschichtlicher Voraussetzungen, föderative Formen der gesellschaftlichen und politischen Interaktion. Gleichwohl existieren Zentralität und Partikularität in beiden Ländern nicht bipolar im Sinne sich ausschliessender Gegensätze. Vielmehr finden sich gerade in Bereichen des kulturellen Lebens sowohl zentralistische als auch partikulare Strömungen, die jeweils gemäss den Befindlichkeiten einzelner gesellschaftlicher Gruppen und Institutionen hervortreten, aber auch zusammenwirken. Zu erinnern wäre etwa an die einer dominanten Zentralität entgegenstehende Mentalität der «France des régions», aber auch an ein in der Schweiz an vielen Stellen des öffentlichen Lebens feststellbares gemeinhelvetisches Selbstverständnis, das regionale und sprachliche Barrieren überschreitet.

Die Tagung verfolgt das Ziel, Zentralität und Partikularität im Bereich der deutschsprachigen Kultur zu untersuchen. Letztere wird dabei, gemäss ihrer spezifischen Existenzform in der Schweiz, als eine nicht ausschliesslich über nationale Kontexte definierbare, aber doch in solche eingebundene Erscheinung verstanden. Zugleich geht es um Vermittlungsformen deutschsprachiger Kulturtraditionen in nichtdeutschsprachigen Umfeldern, im Blick auf Frankreich etwa um die Vermittlung deutscher Sprache und Literatur im Rahmen eines national organisierten Schul- und Universitätssystems. Zentralität und Partikularität erweisen sich in diesem Fall als Dimensionen, die auf unterschiedlichen Ebenen – einerseits der vermittelnden Instanzen, andererseits des vermittelten Gegenstands – ansetzen. Mit einzubeziehen sind die europäischen Nachbarschaften Frankreichs und der Schweiz sowie insbesondere die Bedingungen einer zunehmend globalisierten Welt, in der nationale Identitäten von anderen (z.B. religiösen oder auch medialen) Identitätsmodellen abgelöst, ehemals dominante Nationalsprachen wie das Französische oder das Deutsche von Globalidiomen wie dem Spanischen oder dem Englischen konkurrenziert werden. Die Idee des Zentralismus könnte sich dabei in einer zunehmenden, noch unübersichtlichen Fülle von Partikularismen auflösen.

Die Veranstaltung besteht aus einer Mischung von Plenar- und Sektionsvorträgen. Gemäss den am französischen Universitätsunterricht orientierten Schwerpunkten der AGES-Tagungen wird sich die Diskussion auf vier Kernbereiche konzentrieren: Sprachwissenschaft (linguistique), Literatur- und Kulturwissenschaft (littérature et arts), Geistes- und Ideengeschichte (histoire des idées), Landeskunde (histoire et civilisation). Zu jedem der genannten Bereiche seien im Folgenden einige Stichworte genannt.

 

Sprachwissenschaft (linguistique):

Sprachnorm(en) und Plurizentrik – Sprachvariation: diatopisch, diaphasisch, diastratisch – Sprachgebrauch im Spannungsfeld globaler und lokaler Orientierungen – Sprachkontakt und Hybridisierung.

Literatur- und Kulturwissenschaft (littérature et arts):

‹Nationalliteratur› vs. ‹Weltliteratur› – ‹Nationalliteratur› vs. ‹Regionalliteratur› – kulturelle Zentren – Literatur und Kultur in der ‹Provinz› – Kanonfragen – literarische und kulturelle Identitätsbildung – Literatur im (nationalen) Archiv.

Geistes- und Ideengeschichte (histoire des idées):

Staat, Nation, Gemeinschaft als identitätsstiftende Grössen – Formen des Partikularen in der Ideengeschichte – historische Zentralisierungstendenzen in deutschsprachigen Gemeinwesen – Solipsismus, Eskapismus und verwandte ideengeschichtliche Tendenzen – ‹Dogmatismus› vs. Methodenpluralismus.

Landeskunde (histoire et civilisation):

Zentralistische und föderalistische Administration – ihre Auswirkungen auf Kultur und Bildung – Kommunalismus – Mehrsprachigkeit – die (schwindende?) Bedeutung der deutschen Sprache und Kultur in der frankophonen Welt – Partikularismen im Konflikt der Kulturen.

Organisation

Prof. Dr. Michael Stolz
Universität Bern
Institut für Germanistik
Länggass-Str. 49
CH-3000 Bern 9

Tel: +41 31 631 83 04
Fax: +41 31 631 37 88
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URL: http://www.parzival.unibe.ch/stolz/

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